Leseprobe #1

Das Buch, das nicht gelesen werden soll
Voynich, Mystik und die Kunst des Nichtwissens

Vorwort

Wir – zwei Brüder, die vieles gemeinsam erlebt, manches unterschiedlich gesehen und doch immer miteinander verbunden geblieben sind – legen mit diesem Buch ein gemeinsames Nachdenken vor. Nicht als Experten, nicht als Welterklärer, sondern als Menschen, die fasziniert sind von einem der rätselhaftesten Objekte der Kulturgeschichte: dem Voynich-Manuskript.

Dieses Buch ist kein Versuch, das Rätsel zu lösen. Es ist vielmehr eine Einladung, die Frage anders zu stellen. Nicht: ‚Was bedeutet das Voynich-Manuskript?‘ Sondern: ‚Was macht es mit uns, wenn wir es betrachten? Welche Art von Aufmerksamkeit verlangt es? Und was können wir daraus über unseren Umgang mit dem Unverständlichen lernen?‘

Wir glauben, dass das Voynich-Manuskript mehr ist als ein historisches Kuriosum. Es ist ein Spiegel für unsere Zeit: eine Zeit, in der wir glauben, alles entschlüsseln, erklären, verfügbar machen zu können. Das Voynich lehrt uns das Gegenteil – es lehrt uns, an der Schwelle zu bleiben, ohne sie zu überschreiten. Es lehrt uns die Kunst des Nichtwissens.

Viele der Gedanken in diesem Buch sind bei unseren Gesprächen entstanden – bei Spaziergängen durch Rom und Mailand, in Bibliotheken, vor Vitrinen, in jenen Momenten, in denen das Staunen größer war als der Erklärungsdrang. Wir möchten Sie einladen, diesen Weg mitzugehen: einen Weg der Betrachtung, nicht der Bemächtigung.

Wir schreiben dieses Buch auch in bewusster Verbindung zu unserem vorherigen Werk ‚Topologien des Heiligen – Die Wege des Sinns‘. Dort haben wir uns mit den Strukturen des Heiligen befasst, mit Schwellen, Übergängen, Räumen der Bedeutung. Das Voynich-Manuskript ist für uns ein Beispiel dieser Topologie: ein Ort, an dem Sinn sich entzieht und gerade dadurch präsent wird.

Wenn Sie am Ende dieses Buches keine Lösung finden, sondern einen veränderten Blick – dann hat es erreicht, was wir uns gewünscht haben.

Einführung: Was ist das Voynich-Manuskript?

Bevor wir uns auf den Weg der Betrachtung begeben, sollten wir kurz innehalten und das Objekt unserer Aufmerksamkeit vorstellen. Für diejenigen, die das Voynich-Manuskript noch nicht kennen, hier die nüchternen Fakten:

Das Objekt

Das Voynich-Manuskript ist ein Kodex von etwa 240 Pergamentseiten, gebunden im Format eines mittelalterlichen Buches. Es befindet sich heute in der Beinecke Rare Book & Manuscript Library der Yale University, katalogisiert als MS 408. Das Manuskript ist reich illustriert mit Zeichnungen von Pflanzen, astronomischen Diagrammen, nackten Frauenfiguren in rätselhaften Bädern, und kosmologischen Kreisen.

Der Text ist in einer unbekannten Schrift verfasst, die etwa 20-30 verschiedene Zeichen verwendet, geordnet in Worten, Zeilen und Absätzen. Die Schrift ist flüssig, die Hand geübt, die Ausführung sorgfältig. Nichts deutet auf Chaos oder Willkür hin. Es sieht aus wie ein Buch – aber es lässt sich nicht lesen.

Die Geschichte

Das Manuskript ist nach Wilfrid Voynich benannt, einem polnisch-amerikanischen Buchhändler, der es 1912 im Jesuitenkolleg von Villa Mondragone bei Rom erwarb. Wo es zuvor war, liegt im Dunkeln. Radiokarbon-Datierung des Pergaments datiert es auf etwa 1404-1438, also die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Der Ort der Entstehung ist unbekannt, wobei Norditalien als wahrscheinlich gilt.

Das Problem

Seit über einem Jahrhundert versuchen Kryptologen, Linguisten, Historiker und Computer-Algorithmen, das Manuskript zu entschlüsseln. Ohne Erfolg. Die Schrift folgt statistischen Mustern natürlicher Sprachen – aber sie entspricht keiner bekannten Sprache. Sie zeigt Merkmale von Struktur – aber keine erkennbare Bedeutung. Sie wirkt lesbar – aber sie entzieht sich allen Leseversuchen.

Hunderte von Theorien wurden vorgeschlagen: Es sei eine verschlüsselte Botschaft, eine erfundene Sprache, ein alchemistisches Kompendium, ein Schwindel, ein Kunstwerk, eine meditative Übung. Keine dieser Theorien konnte sich durchsetzen.

Unsere Perspektive

Wir schlagen in diesem Buch keine neue Entschlüsselungstheorie vor. Stattdessen fragen wir: Was wäre, wenn das Voynich-Manuskript gar nicht dafür gemacht wurde, gelesen zu werden? Was wäre, wenn sein Zweck nicht in der Mitteilung liegt, sondern in der Praxis des Schreibens, Betrachtens, Kopierens? Was wäre, wenn es ein Werkzeug für etwas ganz anderes ist: für Kontemplation, für meditative Übung, für die Schulung einer bestimmten Art von Aufmerksamkeit?

Dies ist die These, die wir in diesem Buch entfalten werden. Nicht als Beweis – denn Beweise sind bei einem solchen Objekt kaum möglich. Sondern als Möglichkeit, als Einladung, das Voynich-Manuskript anders zu sehen.

Nun, da Sie wissen, wovon wir sprechen, können wir beginnen.

Prolog: Die These in einem Satz

Das Voynich-Manuskript ist kein Text, den man lesen soll, sondern ein Werkzeug, mit dem man übt.

Dieser eine Satz trägt alles, was folgt. Er klingt einfach, aber er verschiebt alles: unsere Erwartung, unsere Frustration, unsere Fragen. Wenn das Voynich kein Geheimnis ist, das entschlüsselt werden will, sondern ein Instrument, das benutzt werden will – dann ist jeder Versuch, es zu „lösen“, ein Missverständnis der Kategorie.

Man löst keinen Rosenkranz. Man benutzt ihn.
Man liest keine Ikone. Man kontempliert sie.
Man entschlüsselt kein Mandala. Man zeichnet es, betrachtet es, lässt sich von ihm verändern.

Das Voynich-Manuskript gehört in diese Familie der kontemplativen Werkzeuge. Es ist gemacht worden, um kopiert zu werden, betrachtet zu werden, mit der Hand nachvollzogen zu werden. Es ist ein Übungsbuch für eine Praxis, die wir vergessen haben: die Praxis der Wiederholung ohne Ziel, der Variation ohne Fortschritt, der Hingabe ans Unverständliche.

Wenn Sie dieses Buch mit der Erwartung lesen, am Ende die „Lösung“ des Voynich-Rätsels zu finden, werden Sie enttäuscht sein. Aber wenn Sie bereit sind, eine andere Frage zu stellen – nicht „Was bedeutet es?“, sondern „Wozu dient es?“ –, dann öffnet sich ein Raum, der reicher ist als jede Entschlüsselung.

Wir laden Sie ein, mit uns diesen Raum zu betreten

Kapitel 1: Die Vitrine

Eine Vitrine in Rom. Travertin, Glas, gefiltertes Licht. Draußen der Lärm der Via Nazionale, drinnen die Stille eines Kreuzgangs, der sich von der Stadt getrennt hat wie ein Gedanke, der langsam vom Alltag abtreibt.

Hinter Glas: ein aufgeschlagenes Buch. Pergament, von Hand beschrieben, illustriert mit Pflanzen, die niemand kennt, und Diagrammen, die niemand versteht. Das Voynich-Manuskript – MS 408, Yale, Beinecke Library – liegt hier nicht im Original, sondern als Faksimile, aber das spielt keine Rolle. Der Effekt ist derselbe: Es zieht den Blick an und hält ihn fest.

Bildnachweis/Transparenz:

Alle Abbildungen: Beinecke Rare Book & Manuscript Library, Yale University

Wir stehen davor und schweigen. Nicht aus Respekt, sondern aus Verlegenheit. Das Objekt verweigert sich. Es sieht aus wie ein Buch, es ist gebunden wie ein Buch, es hat Seiten, Text, Bilder. Aber es lässt sich nicht lesen. Es ist, als würde man vor einem Klavier stehen, dessen Tasten keine Töne erzeugen. Die Form stimmt, die Funktion fehlt. Was tun wir mit solchen Objekten? Wir wollen sie erklären. Wir wollen sie zuordnen, einordnen, verstehen. Wir wollen sie überführen – aus der Zone des Fremden in die Zone des Bekannten. Aber das..

Das Buch, das nicht gelesen werden sollVoynich, Mystik und die Kunst des Nichtwissens Vorwort Wir – zwei Brüder, die vieles gemeinsam erlebt, manches unterschiedlich gesehen und doch immer miteinander verbunden geblieben sind – legen mit diesem Buch ein gemeinsames Nachdenken vor. Nicht als Experten, nicht als Welterklärer, sondern als Menschen, die fasziniert sind von einem…